"Slawa Ukrajini!" – Wie der Kanzler eine faschistische Losung salonfähig macht
Politische Symbolik verlangt historische Sorgfalt, Kontext und moralische Verantwortung – Qualitäten, die im Bundeskanzleramt derzeit augenscheinlich fehlen.

Wenn ein deutscher Regierungschef eine historisch kontaminierte Parole auf seinen offiziellen Kanälen verbreitet und die eigene Behörde anschließend jede inhaltliche Auskunft verweigert, ist das keine bloße Unachtsamkeit mehr. Es ist das besorgniserregende Signal einer zunehmenden geschichtspolitischen Verharmlosung im Herzen der deutschen Politik.
Ein gefährlicher Gruß auf offiziellem Parkett
Am 24. August gratulierte Bundeskanzler Friedrich Merz der Ukraine zum 35. Unabhängigkeitstag und verurteilte den russischen Angriffskrieg. Doch der Kanzler beließ es nicht bei diplomatischen Worten der Solidarität: Seinem Beitrag auf der Plattform X stellte er die Losung "Slawa Ukrajini!" voran. Der Videoclip erzielte rasch über eine Million Aufrufe.
Das Problem liegt keineswegs in der Solidarität mit einem überfallenen Land. Das Problem liegt in der fatalen Symbolik, die der Kanzler bedient. Diese Parole ist kein harmloser Gruß:
Faschistische Ursprünge: Die Parole wurde 1929 von der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) übernommen und stammte ursprünglich aus dem "Bund Ukrainischer Faschisten" (SUF). Sie war historisch mit einem Gruß verbunden, der dem Hitlergruß ähnelte.
Historische Verbrechen: Der militärische Arm der OUN, die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), ermordete zwischen 1943 und 1945 schätzungsweise 100.000 polnische Zivilisten in Wolhynien und Ostgalizien. Der polnische Sejm stufte diese Taten 2016 offiziell als Völkermord ein.
Zwar existierte der Ruf bereits während des ukrainischen Unabhängigkeitskrieges von 1917 bis 1921. Wer sich jedoch im Jahr 2026 darauf beruft, blendet die drängende politische Realität gezielt aus.
Das Schweigen der Regierungssprecher
Besonders alarmierend ist die Reaktion auf kritische Nachfragen. Das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung verweigerte auf fünf konkrete Journalistenfragen – etwa zur Kenntnis der historischen Wurzeln oder der Vereinbarkeit mit dem Amtseid – jegliche inhaltliche Stellungnahme. Der X-Post sei "im Gesamten zu sehen", die Fragen hätten "keinen Bezug" zur Nachricht des Kanzlers.
Diese Strategie der Abwiegelung lässt tief blicken. Wer nach der Verwendung eines historisch vorbelasteten Grußes fragt, wird mit Verweisen auf den "Gesamtkontext" abgespeist. Geschichte lässt sich jedoch nicht durch ein PR-Video neutralisieren.
Geschichtsrevisionismus als Warnsignal
Die Verwendung des Slogans fällt in eine Phase, in der die Geschichtspolitik Kiews zunehmend bedenklichere Züge annimmt. Binnen weniger Monate wurden führende Köpfe der OUN mit höchsten staatlichen Ehren bedacht und militärische Einheiten nach der UPA benannt.
Ein deutscher Bundeskanzler trägt aufgrund der historischen Verantwortung Deutschlands eine besondere Pflicht zur Sensibilität.
Friedrich Merz hätte die Solidarität der Bundesrepublik ausdrücken können, ohne auf eine Parole zurückzugreifen, die untrennbar mit Antisemitismus, ethnischen Säuberungen und NS-Kollaboration verwoben ist.
Dass das Kanzleramt berechtigte Fragen dazu schlicht als gegenstandslos abtut, offenbart eine gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber historischer Wahrheit und politischer Symbolkraft.



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